Für die meisten

Dienstag, den 18.3.2014

 

Für die meisten war die Nacht recht kurz, aber sofort sind wieder lebhafte Gespräche im Gang. Wir fahren nach Garzweiler zum Braunkohletagebau. Hans-Peter Katz, Pfarrer Günther Salentin und Wolfgang Funke erklären uns angesichts des „größten Lochs der Welt“ und auf der Aussichtsplattform von Windböen geschüttelt, was es für die Landschaft, die Menschen und die Natur bedeutet, dass seit den 50er Jahren hier unvorstellbare Mengen an Erde bewegt, an Wasser abgepumpt wurden, dass die Menschen aus 13 Dörfern und Orten ihre Heimat verloren haben. Und dass es trotz allem ein Verlustgeschäft ist. Nicht nur für die Menschen, von denen viele, als sie gerade erst ihr Haus abbezahlt hatten, zum Verkauf gezwungen wurden und dazu, sich für das Haus im neuen Ort erneut zu verschulden. Viele sind um ihr Lebenswerk betrogen worden. Auch der Betreiber verdient, wenn er ehrlich rechnet, lange schon kein Geld mehr mit der Braunkohleverstromung. Und einer der ganz großen Verlierer ist die Natur, die Schöpfung.

Wir fahren durch verlassene Orte, die Rolläden sind heruntergelassen, Zerstörung und Verfall ist erkennbar. Sogar denkmalgeschützte alte Burgen werden dem Bagger weichen müssen. Oft leben noch wenige Menschen in diesen Geisterdörfern, die sich immer noch nicht trennen können. Aber sie haben keine Wahl. Auch die letzte gerichtliche Instanz hat gegen die Bevölkerung entschieden. Im Pfarrhaus von Alt-Pfarrer Salentin können wir uns aufwärmen. Zur Begeisterung von Leila und Olga Lucía bietet der Pfarrer selber Kaffee und Plätzchen an. Er erzählt vom Widerstand, den besonders die Bewohner von Immerath betrieben haben und damit international bekannt geworden sind. Er war letztlich nicht erfolgreich. Aber was bleibt ist die Befriedigung, das auf breiter Fläche wahrgenommen wurde, dass man so nicht mit Menschen und Heimatorten umgehen kann, dass es wichtigere Werte gibt als die ökonomischen, das man nicht einfach kleinbei gegeben hat. Heutzutage könnte eine solche Entscheidung über einen derartig großflächigen Tagebau nicht mehr getroffen werden.

 

Unser Gäste erzählen, wie vertraut ihnen einerseits die Vertreibungsgeschichten sind. Doch Entschädigung, 20jähriger Vorlauf bis zur Umsiedlung, Proteste – das können sie sich nur wünschen. Um großflächigen Palmölanbau zu ermöglichen oder den Abbau wertvoller Erze wie Coltan werden die Menschen mit Waffengewalt von heute auf morgen von ihrem Grund und Boden vertrieben oder sogar umgebracht. Oder man vernachlässigt so lange das Ausbaggern von Flussmündungen, bis die Region um die Mündung regelmäßig von schweren Überschwemmungen heimgesucht wird und so den Menschen das Leben dort unmöglich macht. Man überlässt sie ihrem Schicksal. Sie landen oft in den Städten, wo sich dann in einer Familie Angehörige der Guerrilla, der Drogenmafia, des Militärs und des Paramilitärs wiederfinden, die sich gegenseitig bekriegen. Misstrauen und Angst vor Verrat bestimmen und zerstören das Leben vieler Familien.

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