In der Frühlingssonne

In der Frühlingssonne treffen wir uns vor dem Rathaus in Liblar. Heute werden die BesucherInnen aus Kolumbien sowie Vertreter von Pax Christi und dem AK Eine Welt von St. Barbara von Bürgermeister Erner empfangen. Es kommt eine ganz schön große Runde im Kleinen Sitzungssaal zusammen, einschließlich unserer Übersetzerin Indira aus Köln, aber eigentlich Cartagena, und Frau Goeth und Frau Abel-Huhn, die VHS und Gleichstellungsstelle vertreten. Wie sich herausstellt, ist auch Frau Goeth eine hervorragende Übersetzerin, weil sie 3 Jahre in Ecuador verbracht hat. Wir freuen uns über die freundliche Aufnahme und die würdigenden Worte, die der Bürgermeister für unsere Initiatve und das ambitionierte Programm findet. „Global denken – lokal handeln“ zum Anfassen. Herr Erner hat sich gut informiert und lässt sich viel Zeit für die Gäste, die dies als besonderes Zeichen der Gastfreundschaft erleben. Das Gespräch, einmal in Gang gekommen, geht in immer neue Runden, und wir von Pax Christi erfahren als Gastgeber auch auf diese Weise immer mehr von unseren Gästen.

 

So erzählt Olga von ihrer Arbeit mit strafgefangenen Frauen und der Sorge für ihre Kinder sowie den sehr frustrierenden Versuchen der Frauen, nach der Entlassung Arbeit und Einkommen zu finden. Viele sind im Gefängnis gelandet, weil ihre Kinder, Männer, Enkel... sie z.B. als Drogenkuriere missbraucht haben. Frauen mit kleinen Kindern verlieren sie, da sie in staatliche Obhut kommen. Ihr Lebensweg steht unter einem sehr dunklen Stern. Und wenn sie aus dem Gefängnis kommen, ist keiner mehr von denen für sie da, die sich ihrer Dienste bedient haben. Olga betont, wie wichtig Arbeit und Qualifikation ist, weil sie nicht nur den Lebensunterhalt sichern, sondern auch Würde geben.

Trotzdem sagt Olga: „Wir haben die Welt nicht verändert, aber wir haben die Kraft der Hoffnung gespürt!“

 

Amílcar berichtet über seinen Kampf dafür, dass Menschen die gleiche Würde, der gleiche Respekt zugesprochen wir, unabhängig von Geschlecht, Volkszugehörigkeit und sexueller Orientierung. Andersartig, aber gleichwertig!

 

Ancízar berichtet von seiner Sorge um die Kinder und Jugendlichen und seinen Kampf für ihre Rechte in seiner Intitiative, einem „Observatorio“, also einer Organisation, die beobachtet und auch anprangert, was geschieht. Kinder und Jugendliche stellen die Hoffnung für die Zukunft dar, werden aber vielfältig missbraucht. Auch kann der Frieden zwischen den verschiedenen Gruppierungen in Kolumbien nicht durch die Unterschrift unter einen Vertrag herbeigezwungen werden. Entwaffnung, Beschäftigung, Gerechtigkeit müssen folgen.

 

Leila sagt schließlich im persönlichen Gespräch: „Wenn es uns Menschen nicht gelingt, dass Bewußtsein für unsere transzendente Natur in unser Leben zu integrieren, werden wir von Materialismus und Konsumismus aufgefressen.“

 

Wir werden eingeladen, uns ins Goldene Buch der Stadt einzutragen, lebhafte Gespräche gehen überall weiter. Wir spüren gemeinsam die Freude darüber, das ein Beziehungsfaden geknüpft ist.

 

Am Abend gibt es ein Wiedersehen mit Gabriel Diaz, der uns per SKYPE im Haus von Michael und Elke besucht. Trotz Schwierigkeiten mit der Technik kann er uns alle begrüßen, uns sein Gebet, das er für uns geschrieben hat, vorlesen und uns ein paar Witze erzählen. Mit Winken und Rufen antworten wir ihm, wenn er nach jedem von uns fragt.

Dann sitzen wir um den Tisch und sind schnell mittendrin in einer heißen Diskussion darüber, das auch in der ersten Generation der Befreiungstheologen weder das Thema Gleichberechtigung der Frau noch das Thema sexueller Diversität einen Platz hatte. Muss die Befreiungstheologie endlich abgelöst werden von der Befreiung von der Theologie? Unsere Gäste sagen, lasst uns zurückgehen hinter die Zeit von Kirche, Konstantin und Hierarchien bis zu Jesus, der alle um einen Tisch gerufen hat.

 

Amílcar erlebt in seinem Viertel von Medellín, wo er als Seelsorger besonderen Wert darauf legt, dass auch bi- und homosexuelle Männer und Frauen und transsexuelle Menschen selbstverständlich Teil der Gemeinde sind, Zurückweiseung, Angriffe, finanzielle Erpressung.

 

Olga wirft als geweihte katholische Priesterin selbst die Frage in den Ring, was die Frauen als ordinierte Seelsorgerinnen in der evangelischen und der katholischen Kirche bisher ausrichten konnten? Bitter wenig, weil sie eigentlich nur das Gleich wie die Männer gemacht haben. Ihr spezielles Charisma als Frauen, die weibliche, zärtliche Seite Gottes zu verkünden, leben sie nicht. Frage: Warum sich dann überhaupt weihen lassen? Was bedeutet die apostolische Sukzession?

Im Falle von Olga hat ihre Gemeinschaft, d.h., die Gruppe der Frauen im Gefängnis bzw. die bereits entlassenen Frauen, darum gebeten, dass sie geweiht wird. Also Nachfolge Christi, aber nicht Sukzession. Wir sind uns einig, dass es trotz allem ein wichtiges Zeichen dafür ist, dass sich etwas ändern muss, dass sich Frauen auch unter den herrschenden Bedingungen in der Kirche weihen lassen. Aber eigentlich müssen wir irgendwann zu dem Bewusstsein kommen, dass jeder von uns berufen ist, eine Seelsorgerin, ein Seelsorger zu sein. Wir sind alle mit dem gleichen Wasser getauft, wie Olga sagt.

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